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Bürgermeister auf der Schulbank

- Aufmerksame Zuhörer: Drei Tage haben die angehenden Bürgermeister Zeit, sich mit den wichtigsten Grundlagen für ihr neues Amt vertraut zu machen. Vielen von denen, die auf das Angebot des Bayerischen Gemeindetages zurückgreifen, geht es wie Jürgen Heusinger aus dem unterfränkischen Sulzfeld (im Vordergrund): Sie haben die Wahl völlig überraschend gewonnen. - Foto: Mauermayer
Hohenkammer (DK) Hunderte von neuen Bürgermeistern werden am 1. Mai ihr Amt antreten. Der Bayerische Gemeindetag bietet Drei-Tage-Crash-Kurse, in denen die Neulinge fit für ihr Amt gemacht werden.
Der Erfolg ist offensichtlich unberechenbar. Diese Erfahrung hat jüngst Jürgen Heusinger machen dürfen. Im kleinen unterfränkischen Sulzfeld kandidierte der 32jährige am 2. März erstmals als Bürgermeister. Und siegte haushoch. "Ich habe 300 Stimmen mehr ergattert als je einer vor mir in Sulzfeld", erzählt er nicht ohne Stolz. Ein wenig mulmig ist ihm trotzdem zumute. "Das ist für mich ein Sprung ins kalte Wasser." Denn von Kommunalrecht, Gebühren, Abgaben und Steuerrecht hat der Frischling – fast – keine Ahnung.
Drum heißt es für ihn erst mal zurück auf die Schulbank. Zusammen mit 40 anderen neu gewählten Bürgermeistern hat sich Heusinger zum Drei-Tage-Crash-Kurs des Gemeindetages in Schloss Hohenkammer (Landkreis Freising) angemeldet. Bayernweit werden bis zur Vereidigung der neuen Rathauschefs Anfang Mai rund 400 Neu-Bürgermeister ein solches Seminar besucht haben.
Da ist pauken, pauken und nochmal pauken angesagt. Kommunalfinanzen, Vergaberecht, Baurecht, Mitarbeiterführung Stressbewältigung und Zeitmanagement stehen auf dem Stundenplan. Und die Bürgermeister in spe erweisen sich als Traumschüler: Artig hören sie zu, machen sich eifrig Notizen (auf Karteikarten) und schwätzen kaum.
Manch einem schwant vielleicht erst jetzt, worauf er sich eingelassen hat beim Abenteuer Bürgermeister. Denn viele haben kaum Vorwissen. "Ich bin ein richtiger Frischling mit fast nix am Huat", gesteht Alfred Lengler, CSU-Bürgermeister von Gachenbach nahe Schrobenhausen. "Und heilfroh, dass es dieses Seminar gibt."
Keine Frage, auch der Franke Heusinger ist an der Bürgermeisterschule gut aufgehoben. Er ist im gelernten Beruf geprüfter Vorarbeiter Hochbau. "In der Gemeinde habe ich ein gutes Team", sagt er. "Des werd schon net so schlimm wern." Darauf baut auf der Senkrechtstarter von Pfaffenhofen, Thomas Herker. Auch er bewarb sich zum ersten Mal um ein kommunales Mandat und Amt.
"Nicht verzetteln"
Der künftige SPD-Bürgermeister an der Ilm ist zwar studierter Betriebswirt. Auch hat er dank seines Jobs im Baywa-Organisationsmanagement bereits Führungserfahrung. Weniger firm sei er im Bau- und Vergaberecht, gesteht der 29-Jährige. Doch, er ist sich sicher: "Eine gut funktionierende Verwaltung ist nicht in Gold aufzuwiegen." In Pfaffenhofen steht Herker künftig 400 Mitarbeitern vor. Sein wichtigster Vorsatz: "Ich will für frischen Wind und Aufbruch sorgen."
Aber, selbst der Amtsantritt will gelernt sein. Der Geschäftsführer des Gemeindetages, Jürgen Busse, hält nichts von schneidigen Auftritten in Siegerpose. Auch rät er den Novizen, nicht allzu technokratisch ans Werk zu gehen oder nur die Paragrafen im Blick zu haben. "Der Bürgermeister ist dafür verantwortlich, dass die Chemie im Gemeinderat stimmt", erklärt Busse. Nur dann sei eine erfolgreiche Arbeit möglich.
Im richtigen Leben ist das meist nicht anders. Der Weg durch den Irrgarten des Steuer- und Abgabenrechts, der Gesetze und EU-Richtlinien ist verschlungen und hält viele Fallen bereit. "Wer glaubt, alles zu wissen, hat schon verloren", warnt Gemeindetags-Direktor Johann Keller. "Sie müssen mit den Leuten vor Ort reden und um Verständnis werben."
Verloren haben auch bereits all jene, die in die Tüchtigkeitsfalle tappen: die, die von Termin zu Termin hetzen, 18 Weihnachtsfeiern abklappern und keinen 80. Geburtstag auslassen können. Schließlich kommen viele Neulinge mit der Idee ins Rathaus, "dass ein Bürgermeister immer im Dienst ist" – also 24 Stunden, sieben Tage. "Die Grenze Feierabend gibt es bei uns im Kopf nicht", glaubt Helmut Roßkopf, neuer Bürgermeister von Berg im Gau im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen.
Und er liegt damit so falsch, dass es falscher kaum mehr geht. Wen das Amt auffrisst, "bei dem bleibt die Kreativität auf der Strecke", weiß Christoph Ewert, Professor für Strategische Unternehmensführung aus Karlsruhe. Der Anti-Stress-Dozent rät den Bürgermeistern, sich eine Vision zuzulegen: Was will ich? Warum will ich es? Was bedeutet das für Andere? Und auf was bin ich bereit zu verzichten? Ewert blickt rundum in erstaunte Gesichter, denn damit haben wohl die wenigsten gerechnet. Unter Dauerstress im Hamsterrad ließen sich nun mal keine Strategien entwickeln, weiß er. Selbstverständlich sei aber auch, dass ein Rathauschef morgens gut gelaunt und pünktlich ins Amt komme. "Da haben sie schon gewonnen." Jetzt fehle nur noch ein ordentlicher Schreibtisch, und das Chaos scheint besiegt.
Da ist Bürgermeister Lengler ja bereits auf einem guten Weg. Denn aus der Ruhe will er sich durch das neue Amt nicht bringen lassen. Auch hat er sich vorgenommen: "Die Leute einbinden, reden, dann entscheiden." Auch bei Johann Kornprobst, Bürgermeister von Hilgertshausen-Tandern (Landkreis Dachau), fallen die Worte des Anti-Stress-Dozenten auf fruchtbaren Boden: "Man darf sich nicht verzetteln."
Von Constanze Mauermayer





